Lattimo ist ein opakweißes Glas mit milchiger Wirkung. Es gehört zu den charakteristischen Erzeugnissen der venezianischen und muranesischen Glastradition und wurde besonders im späten 17. und im 18. Jahrhundert geschätzt, als der europäische Geschmack stark von Porzellan geprägt war.

Begriff und Erscheinungsbild
Lattimo bezeichnet ein weißes, undurchsichtiges Glas. Der Name hängt mit dem italienischen Wort für Milch zusammen und beschreibt die weiche, milchige Farbe des Materials. Im Deutschen wurde dafür auch die Bezeichnung Milchglas verwendet.
Obwohl Lattimo häufig an Porzellan erinnert, ist es kein keramischer Werkstoff. Es handelt sich um Glas, dessen Weißheit in der Glasmasse selbst entsteht und nicht durch eine bloße äußere Bemalung.
Technische Grundlagen
Historisch wurde die Opazität des Lattimo häufig durch Zinnoxid erreicht. Fein verteilte opakisierende Bestandteile streuen das Licht im Inneren des Glases und erzeugen so den weißen Eindruck. Zinnoxid spielte auch bei der weißen Glasur der Majolika eine wichtige Rolle, doch bleiben Glas und Keramik unterschiedliche Materialien.
Die Grundmasse ist ein silikatisches Glas mit Schmelzmitteln und stabilisierenden Komponenten. Das Opazifizierungsmittel verändert nicht die Zugehörigkeit zum Glas, sondern dessen optisches Verhalten.
Historischer Hintergrund
Opakweißes Glas war bereits in der römischen Antike bekannt. Es wurde dort jedoch meist für Zierdetails, Fäden, Einlagen oder ornamental eingesetzte Partien verwendet und nur selten für ganze Gefäße.
In Venedig gelangen im 15. Jahrhundert erfolgreiche Versuche zur Herstellung von Lattimo. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der technischen Leistungsfähigkeit der Glasöfen von Murano, die zugleich klares cristallo, farbige Gläser und anspruchsvolle Dekorverfahren hervorbrachten.
Formen des Geschmacks im 18. Jahrhundert
Vom Ende des 17. Jahrhunderts an und im gesamten 18. Jahrhundert wurde Lattimo besonders beliebt. Der Grund lag in seiner Nähe zur Erscheinung chinesischen Porzellans und später auch europäischen Porzellans. Die weiße Fläche eignete sich hervorragend für Emailmalerei und Vergoldung.
Zu den Dekoren gehörten Szenen in der Art Watteaus, mythologische Themen, Chinoiserien, venezianische Ansichten und Rokoko-Ornamente. In Venedig kamen gelegentlich rote Emailmalerei en camaieu und Golddekor hinzu.
Herstellungsorte und Namen
Lattimo ist eng mit Venedig und Murano verbunden, wurde aber auch in anderen Regionen hergestellt oder nachgeahmt. Genannt werden Deutschland, Böhmen, Frankreich, England, Spanien und China. Die Bezeichnungen Milchglas, verre de lait und opaque white glass zeigen, dass die milchige Weißheit international als wesentliches Merkmal wahrgenommen wurde.
Die Verbreitung des Materials beruhte auf dem Austausch von Waren, Vorbildern und technischem Wissen. Venezianische Stücke wirkten als Maßstab, während andere Zentren eigene Formen und Dekorprogramme entwickelten.
Beziehung zum Muranoglas
Lattimo macht deutlich, dass die Muranoglas-Tradition nicht nur Transparenz und Brillanz beherrschte, sondern auch kontrollierte Undurchsichtigkeit. Gerade dieser Gegensatz zur Transparenz machte das Material attraktiv.
Für Murano war Lattimo ein Mittel, mit der Porzellanmode zu konkurrieren und zugleich im Bereich des geblasenen Glases zu bleiben. Emailfarben und Vergoldung konnten auf dem hellen Grund besonders deutlich wirken.
England und kleine Luxusobjekte
Eine belegte Verbindung nach England besteht seit 1667, als durch eine Bestellung von John Greene erste Lattimo-Stücke aus Venedig dorthin gelangten. Im 18. Jahrhundert entstanden in England zahlreiche kleine Gegenstände aus opakweißem Glas, darunter Schnupftabakfläschchen und Duftflakons.
Solche Objekte entsprachen dem gesellschaftlichen Gebrauch der Zeit: klein, persönlich, dekorativ und für feine Bemalung geeignet.
Nachwirkung
Lattimo ist kunsthistorisch wichtig, weil es die übliche Erwartung an Glas verändert. Statt Durchsichtigkeit bietet es eine weiße, lichtstreuende Oberfläche, die als Bildträger dienen kann.
Spätere opake und opaline Gläser stehen in verwandten Entwicklungen, sind aber nicht automatisch mit venezianischem Lattimo gleichzusetzen. Unterschiede in Rezeptur, Zeitstellung und ästhetischem Ziel bleiben entscheidend.
Historisch belegte Besonderheiten
- Der Name verweist auf die milchige Erscheinung des Glases.
- Römische Beispiele nutzten opakweißes Glas meist dekorativ und nicht für ganze Objekte.
- Im 18. Jahrhundert war Lattimo ein beliebter Glasträger für Emailmalerei.
- In Venedig konnten rote camaieu-Dekore und Vergoldung kombiniert werden.
FAQ
Was ist Lattimo?
Lattimo ist ein opakweißes, milchig wirkendes Glas, das besonders mit Venedig und Murano verbunden ist.
Wie entsteht die weiße Farbe?
Historisch wurde häufig Zinnoxid verwendet, das Licht in der Glasmasse streut.
Ist Lattimo Porzellan?
Nein. Es ähnelt Porzellan optisch, ist aber Glas.
Wann war Lattimo besonders beliebt?
Vor allem vom späten 17. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert, als Porzellan den europäischen Geschmack prägte.
