Die Glashütten von King’s Lynn

King’s Lynn in Norfolk gehört zu den englischen Orten, für die frühneuzeitliche Glashütten belegt sind. Die Nachrichten reichen von der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts; eine gesicherte Zuschreibung erhaltener Glasobjekte an diese Betriebe ist jedoch nicht bekannt.

Historische Darstellung eines englischen Glasofens in einer Hafenstadt Norfolks

Historischer Rahmen

Die englische Glasherstellung des 17. Jahrhunderts war von technischen und wirtschaftlichen Umbrüchen geprägt. Patente, königliche Privilegien, Brennstofffragen und Kapitalströme bestimmten die Entwicklung der Branche. Neben London spielten auch regionale Standorte eine Rolle. Ein Hafenort wie King’s Lynn konnte für eine Glashütte günstig sein, weil Rohstoffe, Brennmaterial und Waren über Wasserwege bewegt werden konnten.

Aus der bloßen Existenz einer Glashütte ergibt sich allerdings noch keine bestimmte künstlerische Produktion. Für King’s Lynn sind Namen und Daten überliefert, aber keine verlässliche Beschreibung eines lokalen Formenschatzes oder einer eindeutig identifizierbaren Werkgruppe.

Belegte Hütten und Eigentümer

Sir Robert Mansell

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestand in King’s Lynn eine Glashütte im Besitz von Sir Robert Mansell. Mansell ist eine zentrale Gestalt der englischen Glasgeschichte, da er mit bedeutenden Patenten und Monopolrechten für die Glasproduktion verbunden war und an der Neuordnung des Gewerbes in der frühen Neuzeit beteiligt war.

Die Nennung Mansells zeigt, dass King’s Lynn in ein größeres wirtschaftliches Netz der englischen Glasindustrie eingebunden war. Sie beweist jedoch nicht, dass heute erhaltene Stücke einem bestimmten Stil aus King’s Lynn zugeschrieben werden können.

Francis Jackson und John Straw

Für das Jahr 1693 ist eine weitere Glashütte in King’s Lynn im Besitz von Francis Jackson und John Straw belegt. Im selben Jahr waren beide auch Eigentümer der Falcon Glassworks in London; diese verließen sie 1695. Der Befund macht deutlich, dass es Verbindungen zwischen provinziellen Standorten und der Londoner Glaswirtschaft gab.

Die Quellen nennen Eigentumsverhältnisse, nicht aber Produktionslisten. Ohne Geschäftsbücher, archäologische Funde oder markierte Objekte bleibt unklar, welche Arten von Glas dort hergestellt wurden.

Nachrichten aus dem 18. Jahrhundert

Eine 1747 veröffentlichte Anzeige über eine Warenliquidation bezieht sich wahrscheinlich auf die Fabrik in King’s Lynn. Die Formulierung erlaubt jedoch nur eine vorsichtige Zuordnung. Für 1753 ist außerdem ein weiterer Ofen in King’s Lynn belegt, der Jonas Philips gehörte. Damit reicht die dokumentierte Verbindung des Ortes mit der Glasherstellung bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts.

Technik und Materialien

Für die Glashütten von King’s Lynn ist keine spezifische Glasrezeptur gesichert. Allgemein beruhte frühneuzeitliches Glas auf Kieselsäure, meist aus Sand oder anderem silikatischem Material. Alkalische Flussmittel senkten die Schmelztemperatur; stabilisierende Bestandteile wie Kalk verbesserten die Beständigkeit des Glases. Die Zusammensetzung hing von Rohstoffen, Produktart und Werkstattpraxis ab.

In England gewann im 17. Jahrhundert der Einsatz von Kohle als Brennstoff für Glasöfen an Bedeutung. Dies beeinflusste Ofenbau und Produktionsorganisation. Daraus lässt sich jedoch nicht unmittelbar ableiten, wie die Erzeugnisse einer einzelnen Hütte in King’s Lynn aussahen.

Beziehung zu Muranoglas

Eine direkte Verbindung der Glashütten von King’s Lynn zu Murano ist nicht belegt. Zwar prägten venezianische und muranesische Techniken die europäische Luxusglasproduktion nachhaltig, insbesondere im Bereich feiner cristallo-inspirierter Gefäße. Für King’s Lynn gibt es jedoch keine gesicherten Hinweise auf muranesische Meister, venezianische Rezepturen oder eine Produktion nach venezianischem Vorbild.

Das Problem der „Lynn glasses“

Die belegten Betriebe in King’s Lynn gelten nicht als Hersteller der sogenannten „Lynn glasses“. Die Bezeichnung ist vielmehr Teil eines eigenen Zuschreibungsproblems, das in der Literatur mit der Wedgwood-Glasproduktion in Verbindung gebracht wird. Der Ortsname allein darf daher nicht als Herkunftsnachweis verstanden werden.

Solche Fälle sind in der Glasgeschichte häufig. Geografische Namen können Produktionsorte, Handelsnamen, spätere Sammlerbegriffe oder Fehlzuschreibungen bezeichnen. Erst das Zusammenfallen von archivalischen, materiellen und technischen Belegen erlaubt eine sichere Herkunftsbestimmung.

Bedeutung und Nachwirkung

King’s Lynn ist vor allem als dokumentierter Standort der englischen Glasindustrie von Bedeutung. Die überlieferten Hinweise zeigen, dass Glasproduktion nicht allein ein Londoner Phänomen war und dass Eigentümer über mehrere Standorte hinweg tätig sein konnten.

Für die Forschung ist der Ort besonders interessant, weil er die Grenzen archivalischer Information sichtbar macht: Eigentümer und Jahre sind fassbar, die hergestellten Objekte dagegen nicht sicher identifizierbar.

Historisch belegte Besonderheiten

  • Die Quellen sprechen für mehrere Glashütten beziehungsweise Öfen in King’s Lynn, nicht für eine einzige durchgehend nachweisbare Fabrik.
  • Francis Jackson und John Straw waren 1693 zugleich mit King’s Lynn und der Falcon Glassworks in London verbunden.
  • Die Anzeige von 1747 wird nur wahrscheinlich auf King’s Lynn bezogen.
  • Keine der belegten Hütten ist als Ursprung der sogenannten „Lynn glasses“ anerkannt.

FAQ

Wo lagen die Glashütten von King’s Lynn?

Sie lagen in King’s Lynn in der englischen Grafschaft Norfolk.

Wer besaß die früh belegte Glashütte?

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehörte eine Glashütte in King’s Lynn Sir Robert Mansell.

Gab es Verbindungen nach London?

Ja. Francis Jackson und John Straw besaßen 1693 eine Glashütte in King’s Lynn und waren zugleich Eigentümer der Falcon Glassworks in London.

Stammen die „Lynn glasses“ aus King’s Lynn?

Die belegten Glashütten von King’s Lynn werden nicht als Hersteller der sogenannten „Lynn glasses“ anerkannt.

Ist eine Verbindung zu Murano belegt?

Nein. Für diese Glashütten ist keine direkte Verbindung zu Murano dokumentiert.