Bergkristall und seine Bedeutung für die Glasgeschichte

Bergkristall ist die farblose bis durchscheinende Varietät des natürlichen Quarzes. Seine Klarheit, Härte und Polierfähigkeit machten ihn zu einem Vorbild für kostbare Steinschnittarbeiten und für die Entwicklung besonders klarer Gläser.

Klarer Bergkristallquarz neben geschliffenem historischem Glas

Material und Begriff

Bergkristall besteht aus kristallinem Siliciumdioxid. Bei geringer Zahl von Einschlüssen erscheint er nahezu farblos. Er ist hart, spröde und lässt sich durch Schleifen, Bohren, Schneiden und Polieren bearbeiten.

Der Begriff Kristall ist historisch mehrdeutig. Mineralogisch meint er hier Quarz; in der Glasgeschichte bezeichnet er auch künstlich hergestellte klare Gläser, etwa venezianisches Cristallo, böhmisches Kali-Glas oder englisches Bleikristall.

Historischer Kontext

Geschnittene und polierte Bergkristallobjekte sind aus alten und mittelalterlichen Werktraditionen bekannt, die mit Ägypten, Irak und Persien verbunden werden. Solche Stücke prägten das Form- und Oberflächenrepertoire, das spätere Glasmacher mit geschmolzenem Glas nachzuahmen versuchten.

Aus ägyptischen Fundzusammenhängen sind vergleichsweise wenige Objekte überliefert. Dies wird häufig mit einer geringeren lokalen Wertschätzung des Materials im Vergleich zu anderen Steinen und farbigen Glaswerkstoffen erklärt.

Technik

Bergkristall wird nicht geblasen und nicht wie Glas am Ofen geformt. Die Gestalt entsteht durch Abtragen des Materials. Werkzeuge und Schleifmittel müssen hart genug sein, um den Quarz zu schneiden, zugleich darf der spröde Stein nicht brechen.

Glas entsteht dagegen aus einer Schmelze, deren Grundbestandteile Siliciumdioxid, Flussmittel und Stabilisatoren sind. Die Annäherung an Bergkristall erfolgte über Entfärbung, Reinheit der Masse, Schliff und später über Radgravur.

Renaissance und Goldschmiedekunst

In der Renaissance wurde Bergkristall in fürstlichen Sammlungen und Schatzkammern besonders geschätzt. Gefäße und geschnitzte Elemente wurden häufig mit Edelmetallfassungen kombiniert. Benvenuto Cellini, tätig im 16. Jahrhundert, gehört zu den berühmten Namen, die mit solchen kostbaren Montierungen verbunden sind.

Böhmen und Radgravur

In Böhmen entwickelte sich eine wichtige Verbindung zwischen Steinschnitt und Glasveredelung. Caspar Lehmann wird mit der Einführung oder entscheidenden Weiterentwicklung der Radgravur auf harten Steinen und anschließend auf Glas in Verbindung gebracht. Diese Technik begünstigte kräftigere Glaskörper und Zusammensetzungen, die mechanische Bearbeitung gut ertrugen.

Böhmisches Kali-Glas unterschied sich vom venezianischen Natron-Glas und eignete sich besonders für Schliff, Facettierung und gravierte Dekore. Damit wurde das Ideal des Bergkristalls in eine eigenständige Glaskunst übertragen.

Beziehung zu Murano

Das venezianische Cristallo erhielt seinen Namen wegen der Ähnlichkeit mit Bergkristall. Auf Murano wurde ein besonders klares Glas entwickelt, bei dem Manganverbindungen unerwünschte Farbstiche durch Verunreinigungen abschwächen konnten.

Dieses Glas war berühmt für dünne, leichte und elegante geblasene Formen. Es war jedoch kein Quarz und konnte nicht wie Bergkristall bearbeitet werden. Seine Empfindlichkeit setzte tiefem Schnitt und intensiver Gravur enge Grenzen.

England und George Ravenscroft

George Ravenscroft erhielt 1674 in England ein Patent für ein kristallines Glas, das Bergkristall ähneln sollte. Seine Arbeit steht am Beginn der englischen Bleikristalltradition. Blei als Glasbestandteil verändert Dichte und optische Eigenschaften und fördert die Brillanz geschliffener Oberflächen.

Nachwirkung

Bergkristall war weniger ein technischer Vorläufer des Glases als ein ästhetisches Leitbild. Venezianisches Cristallo, böhmisch graviertes Glas und englisches Bleikristall zeigen unterschiedliche Wege, die Klarheit und den Glanz des natürlichen Quarzes in Glas zu übersetzen.

Bezeichnungen

  • Deutsch: Bergkristall, historisch auch in abweichenden Schreibungen
  • Französisch: cristal de roche
  • Englisch: rock crystal
  • Italienisch: cristallo di rocca

FAQ

Ist Bergkristall Glas?

Nein. Bergkristall ist natürlicher Quarz. Glas ist ein amorpher Werkstoff aus einer Schmelze.

Warum heißt venezianisches Glas Cristallo?

Der Name verweist auf die optische Nähe zu Bergkristall: gemeint war ein besonders klares, entfärbtes Glas aus Murano.

Welche Rolle spielte Ravenscroft?

George Ravenscroft erhielt 1674 ein englisches Patent für ein kristallines Glas, das Bergkristall ähnelte und zur Entwicklung des englischen Bleikristalls beitrug.